Ötztaler Radmarathon 2013 – GESCHAFFT :-)

Wie beginnt man einen Bericht über die bisher härteste sportliche Herausforderung? Am besten von Anfang an…>

Prolog

Meine Trainingsvorbereitungen in diesem Jahr waren für meine Verhältnisse ziemlich intensiv. Über 2500 Trainings-Kilometer mehr als im Vorjahr und die Abnahme unter die „magische Grenze“ von 78 Kilo machten Mut, die Herausforderung zu überstehen. Der Zeitpunkt rückte immer näher, allerdings hatte ich ab Ende Juli immer häufiger Beschwerden mit dem rechten Knie. Die Untersuchung beim Hausarzt und beim Orthopäden ergaben aber erst einmal keine besonderen Auffälligkeiten. Also wurde eine „Überlastung“ diagnostiziert. Um meine Teilnahme am Ötztaler nicht zu gefährden, trat ich in den folgenden Wochen kürzer und trainierte nur noch zwei Mal pro Woche.

Mitte der letzten Woche zeichnete sich ab, dass sich das Wetter zum Wochenende verschlechtern würde. Es wurden sehr starke Regenfälle über den ganzen Veranstaltungs-Tag vorhergesagt. Somit packte ich am Donnerstag mein komplettes Hab und Gut ins Auto. Bernd Nolte von BENObikes lieh mir dann auch noch kurzfristig seine hochwertige Regenbekleidung von Mavic, so dass eigentlich nichts mehr schief gehen konnte. Das Auto war am Abend komplett beladen und so konnten wir Freitag um 7.00 Uhr ohne Stess und Hektik gen Sölden starten.

Freitag, 23.8.13:

Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle und da wir zeitlich gut unterwegs waren, fuhren wir von Oetz aus zum Kühtai hinauf. Ari konnte kaum fassen, dass ich diesen Pass mit dem Rad unter die Räder nehmen wollte. Sie fragte nur immer wieder, warum man sich das antun wollte. Ein wenig Masochismus gehört ja schon dazu, muss ich irgendwie auch zugeben. Wie schlimm es werden würde, konnte noch niemand ahnen. Sölden erreichten wir gegen 15.00 Uhr und wir fuhren erst einmal direkt zu unserer Unterkunft dem Gästehaus Prantl. Nachdem wir eingecheckt hatten, brachte ich mein Benotti im Skikeller unter. Dort standen bereits einige Rennräder und warteten auf ihren Einsatz am Sonntag.

Von unserer Unterkunft aus war es nur ein kleiner Spaziergang bis zur Freizeit-Arena, wo wir dann auch gleich die Startunterlagen abholten. Zügig und sehr professionell organisiert wurden die Unterlagen mit Starterpaket ausgehändigt. Somit hatten wir noch ein wenig Zeit über das Sattelfest zu schlendern und uns das Treiben rundherum anzuschauen. Die Straßen waren brechenvoll und viele Rennradfahrer düsten die Hauptstraße hoch und runter. Ich hatte eigentlich vor, vor dem Ötzi nicht mehr zu fahren. Gegen Abend machten wir uns recht früh auf ins Zimmer.

Ötztaler Radmarathon – 06

Samstag, 24.8.13:

Am Samstag dann überraschenderweise sehr schönes Wetter. Nach dem Frühstück schlenderten wir wieder in Richtung Zentrum. Da in unserer Hotelbuchung die Ötztal Premium-Card enthalten war, fuhren wir mit der Gaislachkogelbahn (http://de.wikipedia.org/wiki/Gaislachkogel) auf über 3000 Meter und genossen bei herrlichem Sonnenschein den Blick auf das Timmeljoch, meinen finalen „Gegner“ beim Ötztaler… Hinter dem Timmelsjoch zogen aber bereits dunkle Wolken auf, die die Wettervorhersage für Sonntag bestätigen wollten.

Der Rest des Tages verging wie im Flug und dafür kam so langsam die Aufregung. Dann gab es noch eine nette kurze Begegnung mit Jörg Ludewig, der mich auf die Benotti-Jacke ansprach. Shaking Hands und Smalltalk mit Jörg Ludewig. Auch nicht alltäglich… Leider fiel uns erst hinterher ein, dass ein Foto eine schöne Erinnerung gewesen wäre…

Gegen Mittag konnte ich dann doch nicht wiederstehen und machte mich doch auf eine kurze Erkundungsfahrt auf. Zuerst fuhr ich in Richtung Hochsölden und dann noch einmal in Richtung Timmelsjoch. Nach knapp 30 Kilometern und 500 Höhenmetern machte ich mich dann zurück zur Unterkunft.

Ötztaler Radmarathon – 29

Abends war dann die Teilnahme an der Pastaparty obligatorisch, damit die Kohlehydratspeicher für die kommende Anstrengung auch gut aufgefüllt sein würden. Ein nettes Abendprogramm machte die Veranstaltung auch sehr kurzweilig und ließ die Zeit bis zur Fahrerbesprechung schnell vergehen. Hier wurden wir noch einmal über die Regeln und die Gefahrenstellen auf der Strecke informiert. Der Knaller des Abends war sicher der junge Mann, der sich für einen Startplatz 2014 seine Haarpracht abrasieren ließ. Ob er das auch gemacht hätte, wenn er gewusst hätte, wie sich das Wetter in den kommenden Stunden entwickeln würde? 😉

Nach der Fahrerbesprechung machten wir uns auf den Weg in unsere Unterkunft. Ich legte mir meine Sachen soweit hin, da der Wecker am Morgen bereits um 4:10 Uhr klingen sollte. Die Nacht war unruhig. Ich konnte nicht schlafen. Der Regen wurde immer heftiger und der Geräuschpegel der Ötztaler Ache wurde immer lauter…

Sonntag, 25.8.13:

Als der Wecker dann endlich klingelte, war ich hellwach. Nachdem ich im Bad fertig war, zog ich die erste Schicht der Radbekleidung, bestehend aus Funktionsunterwäsche, Trikot und kurzer Radhose bereits an. Danach gingen wir um 4:30 Uhr zum Frühstück. Die ersten Radfahrer saßen bereits am Tisch. Nach dem Frühstück zog ich die weiteren Schichten bestehend aus Bernds Regenbekleidung, meinen Neoprenüberschuhen, der Windweste und einer leichten Regenjacke an. Dann wurde die Startnummer mit dem Transponder am Rennrad befestigt und der Reifendruck geprüft. Es goss in Strömen und Ari machte den Vorschlag mir bis zum Start ein Regencape aus einem Müllsack überzustülpen. Das fand ich irgendwie affig und verzichtete „dankend“. Schließlich hatte ich ja Regenbekleidung an 😉

Ötztaler Radmarathon – 21 Ötztaler Radmarathon – 22

Um 5:45 Uhr war ich dann fertig für die Abfahrt und fuhr über die Zufahrtsstraße zum zweiten Startblock. Immer mehr Fahrer nahmen die Zufahrt, teilweise von nebenher joggenden treusorgenden Ehefrauen mit aufgespannten Regenschirmen flankiert 😉 In der Startaufstellung angekommen, stand ich ca. 200 Meter hinter dem eigentlichen Start. Nach Aussagen von den erfahrenen Ötztaler-Fahrern standen wir ungewöhnlich weit vorne für diese Uhrzeit. Um kurz vor halb sieben kam auch Ari an und spannte Ihren Schirm zum Schutz vor dem Regen auf.

Um 6:40 Uhr verließ sie die Startaufstellung und wir bereiteten uns mit den Toten Hosen und „Tagen wie diesen“ auf den Startschuss vor, der pünktlich um 6:45 Uhr fiel. Erst nach 2 Minuten konnte man bei uns die ersten Bewegungen erkennen. Mehr rollend als fahrend ging es langsam los. Um 6:49 Uhr überfuhr ich die Ziellinie und wir nahmen langsam Fahrt auf. Links und rechts gesäumt von applaudierenden Zuschauern ging es durch Sölden. Die Gischt der Vordermänner prasselte auch mich ein.

Das Tempo zog an und als wir am Ortsausgang von Sölden ankamen hatten wir bereits ein Tempo jenseits der 40 km/h erreicht. Es rollte gut, aber die Straße war klitschnass, so dass auf der stetig abfallenden Straße äußerste Konzentration gefragt war. Immer wieder konnte ich in dieser frühen Phase Fahrer am Straßenrand sehen, die bereits Pannen hatten oder ohne ersichtlichen Grund am Rand standen und warteten… Aber worauf?

Sölden bis Kühtai

Ab Sölden (gelegen auf 1377 Metern) ging es die ersten 30 Kilometer über mehrere kleine Ortschaften bis nach Oetz (820 Meter), wo der erste Anstieg zum Kühtai um 7:32 Uhr mit dem Überfahren der Zeitnahme begann. Damit hatten wir auf den kommenden 18 Kilometern 1200 Höhenmeter zu bewältigen. Der Regen prasselte auf uns nieder und mit jedem Meter, den es nach oben ging, wurde es ein wenig kälter. Das Feld zog sich immer weiter auseinander. Die ersten Fahrer kamen uns entgegen. Irgendwie verstand ich nicht warum und kurbelte in meinem Tempo weiter. Ich wurde oft überholt, hatte mir aber fest vorgenommen ausschließlich mein eigenes Tempo zu fahren und mich nicht von schnelleren zur Aufholjagd verleiten zu lassen. Mit Musik im Ohr kurbelte ich immer weiter nach oben. Da es die ganze Zeit wie aus Eimern goss schaute ich nicht viel nach links und nach rechts. Es gab auch nicht viel zu sehen…

Die erste Labestation auf dem Gipfel des Kühtai war auf 2020 Metern nach 51 Kilometern erreicht. Nach dem Überfahren der Zeitmatte bekam ich die erste SMS von Datasports:

„Hallo Markus (4352), Du hast Kühtai erreicht um 8:59.34,4.
Deine Rennzeit ist 2:10.21,2“.

Es waren trotz des miesen Wetters viele Zuschauer zum Kühtai gekommen, die uns anfeuerten und viele Supporter, die ihre Schützlinge persönlich betreuten. Teilweise bekamen die Fahrer sogar trockene Klamotten. Hätte ich auch gerne gehabt, denn ich war bis auf die Knochen nass… An der Labe hielt ich mich nicht lange auf, um nicht noch mehr auszukühlen, denn das Thermometer des Garmin zeigte nur noch 1,5 Grad an! Nachdem ich meine Flasche aufgefüllt und ein bisschen gegessen hatte, machte ich mich fertig für die Abfahrt. Das hieß, kurz Handschuhe auswringen, Weste zu und ab in Richtung Innsbruck in der Hoffnung, dass es weiter unten wieder wärmer werden würde.

Kühtai bis Brennerpass

Die Abfahrt war kalt, richtig kalt! Ich zitterte am ganzen Leib und hatte teilweise Probleme, den Lenker unter Kontrolle zu halten. Trotzdem erreichte ich hier meine Spitzengeschwindigkeit von 78 km/h. Die Zähne klapperten, wie ich es bisher selten erlebt habe! Immer mehr Fahrer kamen uns wieder entgegen. Ich begriff allerdings noch immer nicht, weshalb. Sollten diese vielen Fahrer wohl das Handtuch werfen?

Nach knapp 20 Kilometern fand ich mich auf 600 Metern üNN in Kematen wieder. Ich zitterte noch immer, aber auf dem zunächst geraden Stück in Richtung Innsbruck konnten die Beine wieder arbeiten und die ausgekühlte Muskulatur wieder auf Temperatur bringen. Innsbruck war dann nach knapp 88 Kilometern um 10:08 Uhr erreicht. Hier begann dann der Aufstieg zum Brenner. Glücklicherweise trocknete die Straße so langsam ab und es klarte auf. Immer wieder bildeten sich auf der recht flach ansteigenden Strecke kleine Gruppen, die aber meistens schnell wieder zerfielen. 15 Kilometer vor der zweiten Labestation auf dem Brenner fand sich dann eine gut funktionierende Gruppe bestehend aus ca. 30 Fahrern. Das Tempo zog an und wir kamen schnell voran.

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Wie es passierte kann ich eigentlich nicht genau mehr sagen. Mein Vordermann ging ohne ein Hand-Zeichen aus dem Sattel und touchierte mit einer leichten Rückwärtsbewegung mein Vorderrad, so dass ich zu einer festeren Bremsung gezwungen war. Nur Sekundenbruchteile später merkte ich einen Schlag von hinten. Das Rad versetzte im rechten Winkel und ich fand mich auf dem Rücken liegend auf der Straße. Über mich hinweg flog ein Rad und ein weiteres verfing sich mit dem Lenker in meinem vorderen Laufrad. Chaos! Der Verursacher zog ohne anzuhalten weiter, während ich mit zwei weiteren Fahrern perplex unsere Räder zu entwirren versuchte. Einer der beiden fragte mich, wie das passieren konnte und ich erklärte ihm, dass ich keine Schuld tragen würde. Er humpelte fluchend mit seinem Rad von der Straße. Währenddessen zogen dutzende Fahrer an uns vorbei. Ich konnte es nicht fassen! Sollte es das gewesen sein? Ich schaute mein ramponiertes Benotti Fuoco Team an. Der rechte Schalthebel war nach innen gebogen, und die Schaltung wollte nicht mehr reagieren. Das Vorderrad schliff an der Bremse und hatte eine Acht. AUS! Der Traum war ausgeträumt! Ich wollte bereits Ari anrufen und von dem Vorfall berichten, aber sollte es das wirklich gewesen sein? Die ganze Vorbereitung und das ganze Geld futsch und für die Katz? NEIN!

Ich versuchte das Vorderrad in der Gabel auszurichten und stellte fest, dass wenigstens der Umwerfer reagierte. Die Kette lag auf einem mittleren Gang, so dass ich vorsichtig versuchte, ob ein Vorankommen möglich wäre. Die beiden mitgestürzten Radkollegen saßen auch wieder auf den Rädern und so setzte ich meine Fahrt in Richtung Labe fort. Im letzten Ort vor dem Pass stand ein Service-Wagen. Die beiden netten Mechaniker konnten mir aber leider nur den Tipp geben, bis zur Labe durchzuhalten und am Service-Point von Mavic nach Hilfe zu fragen, da keiner Ahnung von einer elektronischen Schaltung hatte. Somit kämpfte ich mich mit zwei Gängen hinauf zur Labe, die nach 127 Kilometern auf 1377 Metern erreicht war. Während ich über die Zeitnahme rollte, empfing ich die zweite SMS von Datasports:

„Hallo Markus (4352), Du hast den Brennerpass erreicht um 11:40.59,1.
Deine Rennzeit ist 4:51.45,9“.

Nun hieß es am Mavic-Stand warten und hoffen, dass die Mechaniker dort die Schaltung wieder zum Schalten bringen würden. Es dauerte über 20 Minuten, bis ich an der Reihe war. Vor mir wurden Laufräder gerichtet und Bremsbeläge getauscht, Ketten gefettet und andere kleine Blessuren behandelt. Dann war ich an der Reihe. Wir stellten fest, dass nicht nur die Elektronik betroffen war, sondern gleich das ganze Schaltwerk schief stand. Mit ein wenig Rucken am Schaltauge, wurde das Schaltwerk vorsichtig in eine Position gezogen, dass die Kette wieder halbwegs gerade lief und der Stecker der rechten Schaltwippe wieder eingerastet. Somit konnte ich endlich nach dem Auffüllen meiner Flaschen und einer kleinen Stärkung meine Fahrt fortsetzen. Die Acht im Vorderrad ließ ich nicht richten, da ich ansonsten noch mehr Zeit verloren hätte.

Brenner bis Jaufenpass

Die recht flache Abfahrt nach Sterzing bis auf 960 Meter fuhr ich sicherheitshalber mit „angezogener Handbremse“ erst einmal beobachtend, ob sich die Acht irgendwie negativ auf die Fahreigenschaften auswirken würde, was glücklicherweise nicht der Fall war. In Gasteig, dann die nächste Zeitnahme, die den Aufstieg zum Jaufenpass markierte. Über die nächsten 15 Kilometer wand sich die Straße wieder um 1130 Höhenmeter bis auf 2090 Meter hinauf. Unterwegs musste ich meinen Notfallbeutel auspacken und mich der ersten langen Kleidungsstücke entledigen. So langsam zogen die Temperaturen an. Die lange Jacke und Hose blieb jedoch an.

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Immer weiter ging es nach oben. Unterwegs musste ich die Position meines Schaltwerkes „korrigieren“ da das Schaltwerk im kleinsten Gang leicht an den Speichen des Hinterrades schliff. Nach 161 Kilometern war dann endlich die nächste Labestation erreicht und nach Überfahren der Zeitmatte bekam ich die nächste SMS von Datasports:

„Hallo Markus (4352), Du hast den Jaufenpass erreicht um 14:12.45,4.
Deine Rennzeit ist 7:23.32,2“.

Auch hier verbrachte ich höchstens 5 Minuten mit dem Auffüllen meiner Flaschen und der Nahrungsaufnahme, bevor die letzten Höhenmeter bis zum Gipfel in Angriff genommen wurden. Das Wetter wurde immer besser und so wurde ich zusätzlich motiviert. Auf der Kuppe angekommen, wurden wir wieder von vielen Zuschauern angefeuert.

Jaufenpass bis St. Leonard

Auf den kommenden 23 Kilometern sollte es bis nach St. Leonard auf 750 Meter üNN hinabgehen. Die Abfahrt war schnell und die Bremsen wurden stark beansprucht.

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So langsam fasste ich wieder Vertrauen in mein Material, als ich einen lauten Knall hörte. Reifenplatzer hinten! Es war zum Schreien. In einer Abfahrt einen Platten zu haben ist so ziemlich das schlimmste was hätte passieren können. Ich hatte endlich wieder Plätze gut gemacht, nachdem ich seit dem Sturz vor dem Brenner über 300 Plätze auf der Straße hatte „liegen“ lassen und nun das!

Es nütze ja nichts. Rad umdrehen und Schlauch wechseln. Ich packte meinen Notfallschlauch aus und stellte nach mehrmaligem verzweifeltem Suchen fest, dass ich wohl am „Handtaschen-Syndrom“ litt. Ich hatte mich zu Hause dazu entschieden, zwei Satteltaschen mitzunehmen und wetterabhängig zu entscheiden, welche der beiden ich mitnehmen würde. Nachdem ich kurzfristig die größere mitgenommen hatte, jedoch leider vergass die Reifenheber umzupacken, blieb mir nichts anderes übrig als mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch über mich und die „schlechte Moral meiner Konkurrenten“ den Mantel ohne Reifenheber von der Felge zu würgen. Und das dauerte. Ich schimpfte wie ein Rohrspatz! Dutzende Fahrer zogen an mir vorbei und was soll ich sagen; ich hätte wahrscheinlich auch nicht angehalten…

Nachdem der Schlauch gewechselt war, pumpte ich so gut es ging Luft mit der Mini-Luftpumpe auf und hoffte, schnellstmöglich auf einen mobilen Service-Wagen zu treffen. Die restliche Abfahrt bis nach St. Leonard musste ich aus diesem Grund eher langsam angehen.

St. Leonard bis Schönau

Die Zeitnahme in St. Leonard war nach 186 Kilometern um 15:03 erreicht und es ging von hier aus direkt in den Anstieg zum Timmelsjoch. Mittlerweile erreichte die Temperatur fast 30° C und ich zog die Regenjacke und die Neoprenmütze aus. Jetzt tat es langsam richtig weh! Die kommenden 30 Kilometer sollte es ohne Pause nur noch bergauf gehen in denen knapp 1800 Höhenmeter am Stück zu bewältigen waren. Unfassbar, wenn man sich vorstellt, wie „schwierig“ es ist, im Harz überhaupt 1800 Höhenmeter auf einer Tour zu fahren 😉

Ich schaute ein wenig auf die Uhr. Da ich nicht genau wußte, wie weit es bis zur nächsten Zeitmessung in Moos sein würde, gab ich ein wenig Gas und passierte Moos um 15:32 Uhr. Damit war ich noch weit genug vom Besenwagen entfernt… Hinter Moos dann endlich ein Service-Fahrzeug. Ich stellte mich in der Schlage der „Bedürftigen“ an und konnte nach knapp 10 Minuten mit „frischer Luft“ im Hinterrad weiterfahren. Mit dem passenden Druck rollte es doch gleich wieder „besser“ bergauf… Auf halber Strecke bei Kilometer 201 auf ca. 1700 Höhenmetern erreichte ich die vorletzte Labestation in Schönau. Hier tankte ich das erste Mal eine halbe Flasche Red Bull in der Hoffnung für die kommenden 800 Höhenmeter auf 12 Kilometern bis zum Gipfel des TImmelsjochs „Flügel“ zu bekommen. Hat leider nicht funktioniert! Vielleicht war die Verdünnung zu stark? Man weiß es nicht…

Schönau bis Timmelsjoch

Nach 5-Minütiger Pause ging es auf die finalen Höhenmeter bis zum Gipfel. Vor mir bäumte sich eine schroffe Felswand auf. Spätestens ab hier war mentale Stärke gefragt. Die Beine hatten schon lange keine Kraft mehr. Das einzige, was hier noch zählte war der Kopf! Die letzte Kontrolle Seeberalm wurde nur noch einmal kurz für einen Becher Cola angesteuert und von hier aus mussten die weiteren 500 Höhenmeter bewältigt werden. Immer wieder zog sich nach ca. 500 bis 600 Metern eine weitere der endlos vielen Kehren nach oben. Der Blick nach unten zeigte eine lange kleine Ameisenstraße mit Rennradfahrern, die sich wie an einer Schnur aufgereiht die Straße hochquälten. Auf diesem Stück hätte meine Schaltung gerne wieder versagen können, da ich über den zweiten Gang nicht mehr hinaus kam. Ein paar Mal wurden wir vom Red-Bull Hubschrauber aus gefilmt. Hoffentlich sieht man uns im Film auch einmal.

Der Gipfel auf 2509 Metern war nach einer Tunneldurchfahrt endlich erreicht. Die Temperaturen befanden sich bereits wieder im unteren einstelligen Bereich. Nachdem die Zeitnahme auf der Kuppe überfahren war hielt ich kurz an, um mich für die Abfahrt wieder wärmer anzuziehen. Währenddessen bekam ich eine weitere SMS von Datasports:

„Hallo Markus (4352), Du hast das Timmelsjoch erreicht um 17:58.33,3.
Deine Rennzeit ist 11:09.20,1“.

Timmelsjoch bis Sölden

Jetzt ging es auf die lange Abfahrt und es standen nur noch „läppsche“ 220 Höhenmeter und knapp 20 Kilometer zwischen mir und der Erfüllung meines „Traums“. Trotzdessen hieß es auch noch einmal die Konzentration zu behalten, denn immerhin waren nun 1200 Höhenmeter bergab zu bewältigen und das nach über 11 Stunden Fahrzeit. Meine bisherige Spitzengeschwindigkeit von 78 km/h auf der Abfahrt vom Kühtai konnte ich auch hier nicht mehr toppen. Lieber kein Risiko mit dem eiernden Vorderrad eingehen! Nicht so kurz vor dem Ziel einen weiteren Sturz riskieren! Nach ca. 5 Kilometern Abfahrt kam dann der letzte erwähnenswerte Gegenanstieg, der aber noch einmal richtig in die Beine ging. Trotzdessen konnte ich hier noch einmal ein paar Plätze gutmachen, bevor ich Italien verließ und die letzten Höhenmeter über Zwieselstein nach Sölden abspulte. Der kleine Pickel hinter Zwieselstein konnte mich nun auch nicht mehr von der Erfüllung meines Traumes abhalten!

Endlich konnte ich Sölden sehen und ich musste ein paar Tränen verdrücken, bevor ich in die Dorfstraße einbog und die tolle Stimmung am Straßenrand aufnahm. Auch jetzt noch Stunden nach dem Ankommen der Sieger standen hunderte Zuschauer am Straßenrand und feuerten jeden einzelnen an! Ein tolles Gefühl und eine super Stimmung! Das motivierte noch einmal die letzten Kohlehydrate aus den Beinmuskeln zu quetschen. Ich durchfuhr die 1000 Meter Marke, dann die 500 Meter Marke. Jetzt waren es nur noch 200 Meter und nur noch die scharfe Kurve über die Brücke der Ache, bis ich endlich das Ziel sehen konnte! Ich durchfuhr um 18:40 Uhr den Zielbogen und konnte sogleich meinen Namen aus den Lautsprechern tönen hören! Ich hatte es geschafft und den Ötztaler Radmarathon gefinisht!

Und das bei den Bedingungen! Ich war stolz, konnte es aber zu Beginn nicht fassen und war sogar ein wenig enttäuscht, über die vielen technischen Probleme, die eine bessere Platzierung verhinderten. Eine weitere SMS bestätigte mir, dass ich nun das Ziel erreicht hatte:

„Hallo Markus (4352), da hast Du Deinen Traum! Herzliche Gratulation!
Du hast das Ziel in Sölden in 11:51.09,7 erreicht“.

Ari empfing mich mit einer Blumengirlande und einer kleinen Flasche Sekt! Sie freute sich riesig, mich wohlbehalten in den Arm nehmen zu können. Es sprudelte nur so aus mir heraus und ich wollte ihr eigentlich alles auf einmal erzählen. Nach ein paar Minuten der Erholung entfernte ich den Transponder und holte mir MEIN FINISHERTRIKOT ab. Eigentlich wollte ich meine Zeit nicht aufdrucken lassen, aber als Ari erzählte, dass 700 Fahrer überhaupt nicht gestartet waren und über 800 vorzeitig aufgegeben hatten, war ich auf meine erreichte Zeit natürlich doch stolz. Also entschied ich mich doch noch für den individuellen Aufdruck.

Anschließend wollte ich erst einmal ins Zimmer und heiß duschen. Mit dem Absinken des Adrenalinspiegels merkte ich dann so langsam, dass ich bei dem Sturz die ein oder andere Blessur erlitten hatte. An der rechten Hüfte konnte ich eine schmerzende Prellung erfühlen und auf der rechten Schulter brannte eine Schürfwunde. Ich stellte mein lädiertes Benotti wieder in den Skiraum. Es sollte zu Hause richtig sauber gemacht werden mit anschließender Schadensbegutachtung.

Um 20:40 Uhr machten wir uns so langsam in Richtung Freizeit-Arena auf und hörten noch die Sirenen der Begleitfahrzeug, die die letzten Finnisher in das Ziel begleiteten. In der Halle was es brechenvoll, so dass wir mit unserer Pasta längere Zeit nach einem freien Platz suchen mussten. Auf der Tribüne mit bestem Ausblick auf die Bühne konnten wir es uns dann gemütlich machen. Wir schauten uns die Siegerehrungen in den verschiedenen Klassen an und ich konnte es kaum fassen, dass der Sieger trotz dieser Bedingungen nur 7:13 Stunden für den Ötztaler-Radmarathon benötigte.

Nach den diversen Siegerehrungen war dann für die meisten auch Aufbruch angesagt. Auch wir gingen gegen 22.00 Uhr zurück in Richtung Zimmer.

Sportograf-Video mit persönlichen Rennszenen (1.34, 3.25, 4.08, 4.28, 5.50):

Montag, 26.8.13

Nach dem Frühstück schlenderten wir bei leichtem Nieselregen noch einmal durch die Stadt. Die Sportgeschäfte hatten zur Rabattschlacht gerufen, aber wir konnten nichts passendes finden. Dann hatte ich die Idee Ari noch einmal das Timmelsjoch zu zeigen und das ein oder andere Foto mit dem Finnisher-Trikot zu machen. Auf unserer Fahrt aus Sölden heraus wurde es leider immer nebliger und an der Grenze zu Italien waren schlechte Sichtbedingungen, so dass ich keine Lust auf 18 Euro Maut für 30 Meter Sicht zu zahlen. Also fuhren wir unverrichteter Dinge wieder zurück nach Sölden und stellten uns im Stau gaaaanz hinten an. Wir brauchten fast 3 Stunden aus Österreich hinaus, wovon wir schon alleine die ersten 30 Kilometer bis Ötz gute 1,5 Stunden benötigten. Das ging mit dem Rennrad selbst bei den schlechten Bedingungen in knapp der Hälfte der Zeit 😉

Endlich auf der A7 angekommen, spulten wir die „restlichen“ 600 Kilometer ab und waren um 19.00 Uhr zu Hause.

Dienstag, 27.8.13

Am Dienstag wurde ich sehr nett von meinen Kollegen begrüßt. Alle wollten natürlich wissen, wie es gelaufen war. Mein Abteilungsleiter hatte dann eine sehr nette Überraschung für mich und meine Kollegen zeichneten mich zum „sportlichsten“ Kollegen der Technischen Kommunikation aus!

Ötztaler Radmarathon – 54Ötztaler Radmarathon – 36

Epilog

Der Ötztaler-Radmarathon war ein besonderes Erlebnis und mit einigen Tagen Abstand möchte ich nicht mehr ausschließen im nächsten Jahr einen weiteren Versuch zu starten, wenn mir das Losglück hold ist. Allerdings werde ich wohl noch einmal an meinen Strategien feilen müssen.

Zahlen, Daten, Fakten:

Gestartet gesamt 3353 von über 4000
Gestartete Männer 3198
Gestartete Frauen 154
Siegerzeit Männer OVERALL Roberto Cunico (ITA) in 7:13.06
Siegerzeit Damen OVERALL Monika Dietl (D) in 8.29.43

Startzeit 6:49.13,2
Zielzeit 18:40.22,9
Fahrzeit 11:51.09,7
Durchschnitt 20,079 km/h
Rang Gesamt 1709.
Rang Kategorie 1034.

Bergzeitfahren Oetz-Kühtai 17.3km, Höhenunterschied 1200m

Fahrzeit 1:26.57,5
Durchschnitt 11,936 km/h
Rang Gesamt 1372.
Rang Kategorie 819.

Bergzeitfahren Innsbruck-Brenner 38.2km, Höhenunterschied 697m

Fahrzeit 1:32.25,9
Durchschnitt 24,796 km/h
Rang Gesamt 1843.
Rang Kategorie 1084.

Bergzeitfahren Gasteig-Jaufenpass 21.6km, Höhenunterschied 1130m

Fahrzeit 1:40.49,7
Durchschnitt 12,853 km/h
Rang Gesamt 1546.
Rang Kategorie 894.

Bergzeitfahren St.Leonhard-Timmelsjoch 31.4km, Höhenunterschied 1759m

Fahrzeit 2:54.50,4
Durchschnitt 10,775 km/h
Rang Gesamt 1410.
Rang Kategorie 817.

Durchgangszeiten auf der Strecke

Stelle Tageszeit Fahrzeit Rang Gesamt
bis Oetz 7:32.36,9 43.23,7 663. 1113.
bis Kühtai 8:59.34,4 2:10.21,2 748. 1211.
bis Innsbruck 10:08.33,2 3:19.20,0 852. 1397.
bis Brenner 11:40.59,1 4:51.45,9 910. 1497.
bis Gasteig 12:31.55,7 5:42.42,5 1017. 1675.
bis Jaufenpass 14:12.45,4 7:23.32,2 974. 1610.
bis St.Leonhard 15:03.42,9 8:14.29,7 1144. 1893.
bis Timmelsjoch 17:58.33,3 11:09.20,1 1047. 1734.

Garmin-Connect

http://connect.garmin.com/activity/366176434

Distanz: 226.50 km
Zeit: 10:25:14
Ø Geschw: 21.7 km/h
Positiver Höhenunterschied: 5,500 m
Kalorien: 6,207 cal
Ø Temperatur: 11.5 °C

Höhenprofil (Quelle: http://www.oetztaler-radmarathon.com/)

Höhenprofil Ötztaler 2013

Herzfrequenz

2013-08-25_HF_ÖRM

15 Kommentare zu “Ötztaler Radmarathon 2013 – GESCHAFFT :-)

  1. Super geschrieben.. ein toller Bericht.. 🙂
    Toll gemacht und toll, dass DU nicht aufgeben hast…
    Kannst sehr stolz auf Dich sein. !!!

  2. Sehr schön geschrieben und Glückwunsch für die tolle Leistung. Das Rennen war so schon hart genug, aber mit Deinem Sturz und den diversen Defekten noch härter. Nach Deinen Zeitangaben müssten wir uns unterwegs begegnet sein 😉

    • Danke für das Kompliment! Ja es war hart und ich habe mich im Ziel erst ein wenig über die Zeit geärgert. Man rechnet sich halt immer wieder aus, was ohne Defekte und mit heilem Material gegangen wäre. Aber im Nachhinein werde ich immer stolzer, es überhaupt geschafft zu haben.

  3. glückwunsch! ich habe allerdings auch respekt vor den radlern, die ausgestiegen sind. habe ich alles auch schon mitgemacht. bin den ötzi 2000 gefahren und hatte glück mit dem wetter. im hochgebirge mußt du mit allem rechnen. Hauptsache, du bist heil durchgekommen. leider passieren immer wieder unfälle mit tödlichem Ausgang aber wir klammern zu oft aus, dass unser radsport sehr gefährlich ist… trotzdem freuen wir uns immer wieder auf die nächste herausforderung. wichtig ist: immer respekt vor der Natur, aber keine magst. angst ist ein schlechter begleiter. viel spaß bei den mächsten touren wünscht hcb

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